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Arme reiche Schweiz

Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.

Die Gesundheits- und die Altenpolitik zählen unbestritten zu den grössten gesellschaftlichen Herausforderungen der Schweiz in den kommenden Jahrzehnten. Wer die Geschichte und die aktuellen Fakten dazu aufmerksam verfolgt, muss leider feststellen, dass diese Themen ein Dasein fristen, das traurig stimmt oder einen zornig werden lässt. Die folgende, nicht abschliessende Aufzählung von Tatsachen zeigt auf, wie es in der Schweiz damit bestellt ist. Urteilen Sie selbst.

  • Hausarztmedizin gehört zur Grundversorgung in unserem Land und ist darum in letzter Instanz eine Aufgabe der Regierung und des Gesetzgebers. Die Situation im Bereich der hausärztlichen Versorgung ist überall sehr angespannt, nicht nur in den Randgebieten der Schweiz. Das zeigt deutlich, dass die Politik ihre Hausaufgaben nicht macht.
  • Die Hausärzte bilden die Interessengruppe, welche von der Sache am meisten versteht. Weil sie aber die Schwächsten im Umzug sind, werden sie in ihren berechtigten Sorgen nicht ernst genommen. Man streicht ihnen die Labors, man will ihnen den Medikamentenverkauf wegnehmen und höhlt den Beruf immer mehr aus und verlangt gleichzeitig eine immer grössere Präsenz. Sie werden immer mehr belastet und verdienen immer weniger. Kein Wunder, dass der Nachwuchs fehlt.
  • In den nächsten zehn Jahren gehen rund 50% der heute praktizierenden Hausärzte in Pension. Von zehn Studienabgängern wählt nur eine oder einer diesen interessanten und notwendigen Beruf.
  • Die verschiedenen Interessengruppen wie Krankenkassen, Gesundheitsdirektionen, FMH und andere Verbände innerhalb der Gesundheitspolitik bekämpfen sich, weil jeder nur für sich schaut und die eigenen Interessen um jeden Preis durchsetzen will. Dadurch neutralisieren sich die Beteiligten gegenseitig, was dazu führt, dass sich am schwerkranken System nichts ändert.
  • Die politischen Parteien erreichen nichts bis wenig, sicher nicht das, was sie jeweils vor den Wahlen versprechen. Resultat: Die Krankenkassenprämien steigen und steigen, an Lösungen aber fehlt es. Die bezahlenden Versicherten, also die Kunden, tragen die Zeche, ohne mitreden geschweige denn mitbestimmen zu können.
  • An der Universität Zürich gibt es seit einem Jahr ein Institut für Hausarztmedizin. Bisher hat man nichts davon gehört ausser der damaligen Wahl des Titelträgers. Bietet man dem Herrn Professor Verbesserungsvorschläge im Sinne von Unterstützung bei seiner schwierigen Aufgabe an, ignoriert er diese und hört nicht hin, eine Reaktion bleibt aus.
  • Bundesrat Couchepin fordert in seiner Homepage zum Mitdenken auf und verspricht, die Bürger ernst zu nehmen. Derweil hat er es nicht nötig, an ihn gerichtete, konstruktive Briefe zu beantworten. Selbst das Minimum an Anstand, nämlich eine Empfangsbestätigung, dass man den Brief und die Ideen in Bern erhalten hat, bekommt man nicht. Das liegt offensichtlich unter der Würde eines Magistraten. Welch eine Kultur der Macht und der Ignoranz in Bern und welch eine Farce auf der Homepage des Ministers. Und das genau in jener Domäne, wo er glücklich um jede neue Idee und Unterstützung sein sollte, weil sich sein Departement so schwer damit tut.
  • In der Schweiz fehlt es an Pflegepersonal, an Hausärzten, an einer professionellen Alten- und Krankenpflege zu Hause. Die Schweiz und seine Alten werden immer älter und die Verantwortlichen immer unverantwortlicher.
  • Die Behauptung des Bundesamtes für Gesundheit, die Schweiz orientiere sich im Gesundheitswesen an der Prävention, ist lediglich eine Behauptung, der Tatbeweis fehlt weit und breit. Es mangelt an Präventionsprogrammen in den Unternehmen für die Mitarbeitenden und an den Schulen für die Lernenden. Massnahmen zur körperlichen Ertüchtigung und zur Ernährungslehre werden in den Schulen und Betrieben, wenn überhaupt, nur auf Nebenschauplätzen und durch Freiwillige umgesetzt.
  • Wer an Gesundheit und medizinischer Versorgung seines Volkes spart, schafft Unrecht und muss die Verantwortung für die Krise in unserer Altenpflege und Gesundheitspolitik tragen. Noch brüstet man sich bei den Verantwortungsträgern in Politik und bei den Krankenkassen über das einmalig gute Gesundheitswesen in der Schweiz. Das war einmal, das Erwachen hat in der Realität bereits vor einigen Jahren begonnen. Jeder weiss das, nur will man es nicht wahrhaben und schweigt es tot.
  • Zur Bewältigung dieser Herausforderungen fehlt es bei den Verantwortungsträgern an Innovationskraft und Mut. Ideen und Vorschläge werden nicht behandelt, denn das könnte ja Arbeit auslösende Dynamik in die Sache bringen. Lieber wird weiter verwaltet und gewurstelt wie bisher und das ist schlecht so.

Zum Glück haben wir die Finanzkrise! Die lenkt uns und die Gesundheitspolitiker auf ein gemeinsames Feindbild, nämlich die Banken ab. So ziehen wir denn leichten Herzens und gemeinsam über die ach so gierigen und unfähigen Banker her, die eigentlich nur soweit gekommen sind, weil die Politik auch dort geschlafen und deshalb in ihrer Passivität das Drama mit verschuldet hat.

Ist unser Gesundheitswesen in einigen Jahren nicht auch so weit?

 

 

 

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09. Oktober 2011, 17:29:36